Von Schneeglöckchen und Sternenschleier

Sie sind selten. In Ballungsgebieten kann man sie an einer Hand abzählen. Weiter draußen – fernab von der starken Lichtverschmutzung – dagegen hat man öfters das Glück sie halbwegs ungetrübt zu sehen: Sterne.

Zum Fotografieren reicht das bloße hinaus-fahren aus den Ballungszentren das jedoch nicht immer aus. Die Kamera sieht heute mehr als das menschliche Auge überhaupt wahrnehmen kann. Je empfindlicher also die Aufnahmetechnik, desto größer werden schon die kleinsten Störungen. Selbst Satelliten, welche nur kurz das Sonnenlicht reflektieren, sind auf dem Bild sichtbar.

Sternenschleier – auch Startrails genannt – entstehen durch die Rotation unseres Planeten. Für derartige Bilder benötigt man jedoch mehr als nur einen klaren Himmel. Lichtverschmutzung, Mondphasen und Bahnen, Wind und besonders die Wolken sind entscheidend. Schleierwolken (Cirren) sind noch in mehreren hundert Kilometern Entfernung sichtbar und aufgrund ihrer Höhe, reflektieren sie auch noch die entfernteste Lichtverschmutzung.

Konstruktion gegen Taubildung

Darüber hinaus ist es nicht nur der Himmel, der einem einen Strich durch die Rechnung machen kann, sondern die Bedingungen am Boden selbst. Je geringer die Brennweite, respektive je größer der Blickwinkel, desto spektakulärer wird dieser Effekt. Mit abnehmender Brennweite sinkt aber auch der Abstand zwischen Boden und Kamera. Ohne feste Gegenstände funktioniert dieser Effekt nicht und so wird man bei dieser Himmelsbetonenden Perspektive regelrecht zu Boden gedrückt. Und genau hier lauert das nächste Unheil: Wasser!

In der Nacht sinken die Temperaturen oft auch auf den Taupunkt, weshalb in Bodennähe eine besonders hohe Luftfeuchtigkeit herrscht und es so zur Taubildung auf dem Glas kommen kann. Ohne Spezialkonstruktionen ist der Spaß schon nach 45 – 90 Minuten zu Ende. Den Tau kann man noch so gut mit einem Tuch abwischen, eine einmal beschlagene Linse beschlägt innerhalb weniger Minuten erneut – man kann dem sogar zu sehen.

Passt alles zusammen können beeindruckende Aufnahmen entstehen. Ab ca. 100 Minuten fängt der Spaß an und je länger ein Bild nach dem anderen entsteht, desto länger werden diese Spuren und damit auch die Größe des Effektes.


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Mit jedem Bild steigen jedoch auch die Anforderungen an die Hardware mit der dies hinterher zusammengesetzt wird. Bei 500 Bildern helfen auch keine 32GB Arbeitsspeicher mehr. Mit 16 Bit Farbtiefe erreicht die Auslagerungsdatei Dimensionen von über 100 GB!  Etwa die doppelte Zeit, die für die Aufnahme eines solchen Bildes investiert wurde, muss nochmal in die digitale Dunkelkammer investiert werden. Auf Island beispielsweise bekommt man – wolkenloser Himmel vorausgesetzt – eine Vorstellung davon, wie es auch bei uns in Mitteleuropa einst nachts ausgesehen hat (ohne das Polarlicht). Davon kann man hier am Niederrhein nur träumen! Die Lust ist derart klar und die Verschmutzung so gering, dass man selbst bei Mondlicht noch die Milchstraße sehen kann.


Arbeiten in der Dunkelheit

In der Nacht zu arbeiten ist ein wenig verrückt – oft hält sich ein komisches Gefühl, da die Dunkelheit für uns das große Unbekannte ist, welches viele Spielräume für Interpretationen bietet. Das Arbeiten unter solchen Bedingungen macht dennoch Spaß, da keine Aufnahmesituation gleich ist – selbst wenn es der selbe Standort ist, es ist immer anders.

Die erschwerten Bedingungen in der Dunkelheit machen das ganze erst recht reizvoll. Und auch wenn ich hier den optischen Sucher dem elektronischem bei der Komposition vorziehe, mache ich vor jeder Aufnahme einige Testaufnahmen um letzte Details und Winkel zu überprüfen. Man will schließlich keine 3-5h warten um am Ende fest zu stellen, dass der Winkel – die Perspektive, Komposition oder gar der Fokus nicht optimal eingestellt waren und alles umsonst gewesen ist.

Für die Bilder mit den Schneeglocken habe ich einen entfesselten Blitz benutzt. Bei ISO 6400 ist selbst die niedrigste Stufe zu lichtintensiv, weshalb ich den Blitz mit der Hand abdecken musste.

Hin und wieder werde ich gefragt, was ich denn so mache – dann antworte ich meist: “ Ich fotografiere nachts drei Stunden lang einen Baum…  “ – Die Reaktionen sind meist immer die gleichen…

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