Verloren im Blick des Steinkauzes

Selten hat mich etwas so sehr in den Bann gezogen und begeistert wie dieses. Was vor einigen Jahren aus purer Neugierde begann, entwickelte sich mit der Zeit zu etwas ganz besonderem: Die Beobachtung eines Steinkauzes (Athene noctua) – der kleinsten Eule am Niederrhein – in freier Natur in Krefeld.

Zunächst einmal ist es gar nicht so leicht einen zu finden, sind diese Amsel-großen Eulen doch vor allem in der Dämmerung und Nacht aktiv und durch ihr spezielles Gefieder sowie den langen Ruhezeiten am Tage besonders gut getarnt. Da braucht es schon ein geübtes Auge und ein trainiertes Gehör um diesen sagenumwobenen Vogel auszumachen und auch mit etwas Glück und viel Geduld auch einen zu sehen. Und wenn man bei null anfängt, braucht eine ganze Schubkarre voller Geduld. Aber wenn man ihn dann erblickt hat – und sei es nur ein einziges Mal – dann zieht einen sein Blick, mit den schwefelgelben Augen, in den Bann, der einen nicht mehr loslässt.

Grimassen des SteinkauzesEin Blick entschädigt für alles. Das Aufstehen am sehr frühen Morgen oder gar noch in der Nacht. Das Schleppen des schweren Equipments. Das Ertragen des Heuschnupfens inmitten einer wild wachsenden Wiese, gegen dessen Gräser-Pollen man alle allergisch ist. Das stundenlange Ansitzen. Die zahlreichen Mückenstiche und Zeckenbisse. Das frieren oder schwitzen (fehlt nur noch der Aufguss und die Tarn-Zelt-Sauna ist gelungen!). Und auch die Tage an denen man nichts zu Sehen oder gar noch eine Regendusche bekommt.

Ein guter Freund meinte einst, dass man nur vom Anschauen dieses kleinen Geschöpfes „Nasenbluten vor Entzücken“ bekäme – wie in diesen japanischen Manga-Comics, wo denen das Zeug wie eine Fontaine aus den Nasenlöchern schießt… Ein wenig hat er ja schon Recht – niedlich wirkt diese Eule allemal. Das hat sie aber ihrem sehr lockeren Gefieder zu verdanken, mit der sie sich auf mehr als die doppelte Größe aufplustern kann. Und das in Kombination mit den starr nach vorn gerichteten, großen, Schwefel-gelben Augen und dem Gesichtsschleier, mit dem Eulen auch tatsächlich Grimassen schneiden können und man so den Gemütszustand fast schon am Gesichtsausdruck alleine ablesen kann, lässt sie in gewissen Momenten richtig putzig – ja sogar schon etwas menschlich – wirken.

Die Faszination endet aber nicht bei diesen subjektiven Eindrücken! Denn durch die unbeweglichen aber hoch empfindlichen Augen müssen die Eulen jede Augenbewegung mit dem Kopf tätigen – dafür haben sie auch nicht wie andere Vögel 7 sondern gleich 14 Halswirbel und dies ermöglicht ihnen einen Blick von 270° nach links und rechts! Sie sind eher weitsichtig und ertasten sich alles in Greifweite – das lässt sie oft ein wenig unbeholfen wirken. Aber die Wahrheit ist, könnte die Eule tatsächlich lesen, bräuchte sie auch wirklich eine Lese-Brille. Die Symbolik der „Lese-Eule“ mit der Brille, die man oft bei Universitäten oder Bibliotheken findet, ist – wenn auch völlig unlogisch – somit rein theoretisch richtig!


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Darüber hinaus kann der Steinkauz – der riesigen Augen sei Dank – auch bei Dunkelheit optimal sehen. Durch den Gesichtsschleier wird der Schall gebündelt und zu den Ohrschlitzen geleitet. Diese sind nicht wie bei anderen Vögeln an den Seiten, sondern befinden sich a-synchron angeordnet direkt bei den Augen und ermöglichen so eine akustische Ortung der Beute in Richtung und Entfernung.

Bei den Steinkäuzen ist diese Fähigkeit durch den keinen Gesichtsschleier weniger stark ausgeprägt als z.B. bei der Schleiereule oder dem Waldkauz. Das sehr spezielle und weiche Gefieder sowie der Federkamm auf der Vorderkanne der Schwingen ermöglichen einen lautlosen Gleitflug. Auf diese Weise können die Maus oder ein keiner Singvogel die anfliegende Gefahr nicht kommen hören und bemerken diesen Jäger erst, wenn es schon zu spät ist. Dies aber auch nicht lang, denn der Steinkauz ist, wie die alle anderen Vertreten seiner Art, ein Grifftöter. Er tötet seine Beute meist schon beim ersten Griff mit seinen kräftigen Fängen und den langen und spitzen Krallen an jeder der vier Zehen. Das Ganze ist Instinkt-gesteuert und die Eule drückt so lange fester zu, bis sich die Beute in den Fängen nicht mehr bewegt. Tut sie es dennoch, wird mit dem Schnabel getötet.

Der Steinkauz ernährt sich jedoch nicht nur von Mäusen und kleinen Singvögeln – wobei letztere eher selten sind und zur Not auch bis zur Amselgröße geschlagen werden können. Auf seiner Speisekarte stehen auch viele Insekten wie Käfer, Nachtfalter, Grillen und Regenwürmern. Hin und wieder ist auch ein Frosch dabei. Die verschiedenen Höhlen in seinem Revier werden auch gerne als Depot für die Beute (Singvögeln und Mäusen) genutzt um auch bei schlechter Witterung etwas zu Fressen zu haben.

Trotz der immensen ‚Sonderausstattung‘, welche diese Eule von der Natur zum Überleben erhalten hat, hat es dieser Vogel wahrlich nicht leicht. Sein Habitus ist ein ganz spezieller, nämlich offene Kulturlandschaften mit niedriger Vegetation und – am idealsten – eine trockene Höhle in einem Baum, einer alten Scheune, Ruine, oder Mauerwerk in denen er sich verstecken und auch seinen Nachwuchs aufziehen kann.

Der Steinkauz ist ein Höhlenbrüter und gibt sich sogar mit der primitivsten Höhle zufrieden. Aber durch den verstärkten Rückbau von Weideflächen und Streuobstbeständen, dem Abdichten von alten Scheunen, Ställen und Geräteschuppen sowie dem massenhaften Einsatz von Pestiziden fehlt es oft entweder an Nahrung (Insekten, Mäuse und Vögel) oder an geeigneten Nistmöglichkeiten. Letzterem Problem kann zum Glück mit künstlichem Ersatz entgegengewirkt werden.

Der Erste neue Prototyp dieser Art hatten diese beiden Käuze bekommen – obwohl die beiden erfolgreich in einer natürlichen Behausung ihre Jungen aufgezogen hatten, wechselten die Beiden noch im gleichen Frühling in den frisch montierten Nistkasten und zogen dort gleich doppelt so viele Jungvögel groß, wie im Jahr zuvor.

Seit einiger Zeit steht dies auch unter einer Art Dauerbeobachtung um neue Erkenntnisse und Einblicke zu erhalten und auch um neues zu probieren, wie ein Marderschutz am Baum, der den Marder und andere Vierbeiner davon abhält zum Kasten zu gelangen. In einem anderen Blog wird drüber auch regelmäßig berichtet.

Die höchste Auszeichnung für einen Naturfotografen ist es, wenn das Motiv vor der Kamera sorglos einschläft.

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